TEILMODUL 1
BASEBALLSCHLÄGERJAHRE.
RASSISMUS, RECHTSEXTREMISMUS UND
GEWALT IN DEN 1990ER JAHREN
SCHRITT 1 – ANNÄHERN
SCHRITT 2 – GEMEINSAMES HÖREN
SCHRITT 3 – KONTEXTUALISIEREN
SCHRITT 4 – VERTIEFEN UND ANALYSIEREN
SCHRITT 5 – JETZT IHR!
SCHRITT 6 – IT’S SHOWTIME!
Die Stimmung kippt. Montagsdemonstration in Leipzig,
20. November 1989. Foto: Maria Notbohm
Unter dem Begriff „Baseballschlägerjahre“ wird in diesem Modul ein Thema aufgegriffen, das lange Zeit vernachlässigt wurde. Ausgehend von zeitgenössischen und aktuellen Songs erfahrt Ihr mehr über verschiedene Perspektiven zum Thema und zu seinen Hintergründen.
Die Wiedervereinigung von 1990 hatte einen neuen, gesamtdeutschen Nationalismus befördert. Dieser ging in Ost- und Westdeutschland mit einer massiven Zunahme an Rassismus und Gewalt einher. Täglich fanden rechtsextremistische Übergriffe auf Menschen statt, die anders aussahen, dachten oder nicht ins rechte Weltbild passten. Die „Amadeu-Antonio-Stiftung“ zählt von 1990 bis heute 219 Todesopfer rechtsextremer Gewalt in Deutschland. Allein bis 1993 waren es 57 Opfer. Hinzu kamen weitere, unzählige Angriffe aus menschenverachtenden Motiven.
Gegen diese Übergriffe gab es immer auch zivilgesellschaftlichen Protest. Neben Demonstrationen und Lichterketten war (und ist) gerade auch die Musik ein Feld der kritischen Auseinandersetzung. Die Toten Hosen, eine der wichtigsten deutschsprachigen (Punk)Bands, schrieben ihren Song Sascha... ein aufrechter Deutscher (1992) als direkten Kommentar zu den Übergriffen in Rostock-Lichtenhagen. Ebenfalls von 1992 ist der Song Fremd im eigenen Land der Heidelberger HipHop-Gruppe Advanced Chemistry. Doch anders als der Song der Toten Hosen handelt er von Erfahrung mit Rassismus aus einer migrantischen Perspektive. Dabei geht es um Alltagsrassismus in der „alten“ Bundesrepublik ebenso wie um die Zunahme von Gewalt im Zuge der deutschen Einheit.
Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt fanden jedoch nicht nur in den 1990er Jahren statt, sondern reichen bis in die Gegenwart. Nicht nur, aber besonders im Osten Deutschlands prägte eine Kultur der Gewalt die Erfahrung v.a. von Jugendlichen bis weit in die 2000er Jahre. Von diesen Erfahrungen handelt der Song 9010 (2019) von Kummer. Der Sänger der Chemnitzer Band Kraftklub thematisiert hier Gewalterfahrungen als Alltagserfahrung. Zudem ist der Song ein Kommentar zu den jüngsten politisch-gesellschaftlichen Polarisierungsprozessen, die ihren Hintergrund auch im langen Schatten der „Baseballschlägerjahre“ haben.
Weitere Infos findet ihr in dem APuZ-Themenheft „Rechte Gewalt in den 1990er Jahren” (2022).
„Die frühen Jahre der Deutschen Einheit waren spürbar davon geprägt, dass die einen sich wiedervereinigten und die anderen zu Anderen wurden.”
(Noa K. Ha: Vietdeutschland und die Realität der Migration im vereinten Deutschland)
Weitere Infos findet ihr in dem APuZ-Themenheft „Rechte Gewalt in den 1990er Jahren” (2022).
INFORMATIONEN ZU HINTERGRÜNDEN SOWIE WEITERFÜHRENDE LITERATUR
︎︎︎︎ PDF: Hintergrundtexte und Literatur
SCHRITT 1 – ANNÄHERN
Schaut Euch die Fotos unten in Ruhe an; Ihr könnt sie auch verschieben. Wählt dann zwei Bilder aus und überlegt: Inwiefern stehen sie mit den „Baseballschlägerjahren” in einem Verhältnis?
Beantwortet in Stichworten: Was können uns die Bilder über das Thema „Rassismus, Rechtsextremismus und Gewalt in den 1990er Jahren” sagen?
TIPP: Wichtige Infos zu den Fotos, z.B. wann und wo sie entstanden sind, findet Ihr hier.
Infos zu den Bildrechten gibts hier










SCHRITT 2 – GEMEINSAMES HÖREN
„Drei Songs, drei Ecken“
Hört Euch die drei Songs einzeln oder in Gruppe nacheinander an.
Überlegt Euch anschließend Fragen und Stichworte – bezogen auf Text und Video – und schreibt sie auf (Ihr werdet später noch damit arbeiten).
SCHRITT 3 – KONTEXTUALISIEREN
Schaut Euch gemeinsam die erste Folge der Dokumentationsreihe „Baseballschlägerjahre“ an.
Sammelt Informationen zu der Frage: Was waren Gründe und Hintergründe für Rassismus, Rechtsextremismus und Gewalt in den Nachwendejahren? Tragt Eure Überlegungen in der Gruppe zusammen.
TIPP:
Weitere Informationen und weiterführende Literatur
findet Ihr hier:
︎︎︎︎ PDF: Hintergrundtexte und Literatur
SCHRITT 4 – VERTIEFEN UND ANALYSIEREN
Bildet drei Arbeitsgruppen. Hört Euch jeweils einen der Songs nun noch einmal in Ruhe an und lest Euch dazu Eure Notizen sowie die Zusatzinfos (unten) durch.
Beantwortet im Anschluss die Fragen auf den Arbeitsblättern (unter den Videos) – zunächst für Euch selbst. Diskutiert Eure Ergebnisse im Anschluss in der Gruppe.
GRUPPE 1
SASCHA... EIN AUFRECHTER DEUTSCHER (1992)
VON DEN TOTEN HOSEN
Single, T.O.T. Musik
MATERIAL/ARBEITSBLATT
︎︎︎︎ AB1: Sascha_das Lied analysieren
INFOS ZUM SONG
Musik war und ist ein wichtiges Feld der kritischen Auseinandersetzung mit Rassismus und Rechtsextremismus. Eine Form, zivilgesellschaftliches Engagement zu bündeln, waren Veranstaltungsformate, die als Verbindung von Demonstration und Rockkonzert konzipiert waren. Das bekannteste war sicher die Konzertreihe Rock gegen Rechts, bei der namhafte Musiker*innen auf öffentlichen Plätzen Konzerte gaben und sich gegen rechts positionierten. Inspiriert von Rock against Racisms, ein Konzert, das 1978 in England als Reaktion auf rassistische Übergriffe stattfand, wurde das erste Rock gegen Rechts-Konzert in der Bundesrepublik 1979 veranstaltet.
Auch die Punkband Die Toten Hosen (1982 gegründet) spielten auf diesen Konzerten. Sascha... ein aufrechter Deutscher von 1992 kann als unmittelbare Reaktion auf die rassistischen Übergriffe in Rostock-Lichtenhagen verstanden werden. Der Song wurde zum ersten Mal am 14. November 1992 in Bonn bei der Demonstrationsveranstaltung Es wird Zeit und einen Monat später, am 13. Dezember, auf dem Festival Heute die! Morgen Du! in Frankfurt am Main gespielt. Für die Produktion der Single (die eine halbe Million D-Mark einspielte) verzichteten alle Beteiligten auf ihr Honorar. Der Erlös ging an eine Initiative gegen Fremdenfeindlichkeit. Der Song erschien 1993 auf der Platte Kauf mich!. Er wurde ausgesprochen populär und erreichte auch Leute, die keinen Punkrock hören.
In jüngster Zeit finden wieder verstärkt ähnliche Konzerte statt. Bekannt wurde zuletzt das Konzert Wir sind mehr im September 2018 in Reaktion auf die rassistischen Ausschreitungen in Chemnitz kurz zuvor.
GRUPPE 2
FREMD IM EIGENEN LAND (1992)
VON ADVANCED CHEMISTRY
Maxi, MZEE Records
MATERIAL/ARBEITSBLATT
︎︎︎︎ AB2: Fremd_das Lied analysieren
INFOS ZUM SONG
Fremd im eigenen Land ist ein Song der Heidelberger HipHop-Band Advanced Chemistry, die sich 1987 gegründet hatten. Der Song erschien 1992 und gehört bis heute zu den einflussreichsten deutschen Rap-Songs. Auch Advanced Chemistry bezieht sich auf die Übergriffe von Neonazis in Rostock-Lichtenhagen. Das Intro stammt aus einer Nachrichtensendung über diese schweren ausländerfeindlichen Krawalle.
Die Musiker reflektieren, wie sie als Menschen mit Migrationshintergrund markiert werden und was dies für ihre Lebenswelt bedeutet. Weit stärker als in anderen Songs der Zeit spielt hier also die Erfahrung mit Alltagsrassismus, Ausgrenzung und Vorurteilen eine zentrale Rolle. Die fehlende Anerkennung als Staatsbürger der Bundesrepublik verweist zudem auf die zeitgenössischen Debatten um Asylpolitik. Mit dem Song wurde die ausgegrenzte Perspektive deutlich gemacht.
Der Satz „Fremd im eigenen Land“ wurde verschiedenfach verwendet. Er stammt ursprünglich von dem Autor Henryk M. Broder und war Titel seines Buches über die Situation von Juden in Deutschland 35 Jahre nach dem Holocaust. In jüngster Zeit wird der Satz vor allem von rechts vereinnahmt, von der NPD und zuletzt von der AfD.
GRUPPE 3
9010 (2019)
VON KUMMER
Kiox, Eklat Tonträger
MATERIAL/ARBEITSBLATT
︎︎︎︎ AB3: 9010_das Lied analysieren
INFOS ZUM SONG
Der Titel des Songs 9010 bezieht sich auf die Heimatstadt des Musikers Kummer (alias Felix Brummer, Sänger der Chemnitzer Band Kraftklub, gegründet 2010). 9010 war die Postleitzahl von Karl-Marx-Stadt in der DDR, dem heutigen Chemnitz. Der Song referiert mit diesem Titel auf die Geschichte der Stadt, markiert ein Vorher und Nachher. Er verweist auf die Zeit in der DDR und in der aktuellen Bundesrepublik. Kummer (alias Felix Brummer) ist Sänger der erfolgreichen Chemnitzer Band Kraftklub, die mit ihrem Song Karl-Marx-Stadt (2012) bekannt wurde. Das Lied 9010 erschien auf der ersten Solo-Platte des Musikers, auf der er vor allem gesellschaftlich-politische Fragen und Probleme diskutiert.
Kummer gehört in Chemnitz zu denen, die sich immer auch politisch für die Stadt engagieren. So gehörte er maßgeblich zu den Initiatoren des Konzerts Wir sind mehr, das 2018 als Antwort auf die rechtsextremen Ausschreitungen in Chemnitz stattfand. Zu dem Konzert kamen 65.000 Menschen.
SCHRITT 5 – JETZT IHR! SCHREIBT EINE EIGENE STROPHE ODER MACHT EIN VIDEO ZUM SONG
STROPHE SCHREIBEN:
Arbeitet nun einzeln. Wählt einen der drei Songs aus und schreibt eine zusätzliche Strophe, die in der Gegenwart angesiedelt ist.
Der inhaltliche Bezugspunkt kann Rassismus, Rechtsextremismus und Gewalt sein, aber auch jede andere Form von Ausgrenzung.
VIDEO DREHEN:
Arbeitet einzeln oder in kleinen Gruppen. Wählt einen Song aus und sucht in Eurer Umwelt nach passenden Bildern und Motiven für den Song.
Erstellt ein Video (entweder für eine einzelne Strophe oder für einen der Songs).
SCHRITT 6 – IT’S SHOWTIME!
Zeigt Eure Ergebnisse in der Gruppe!